Dienstag 4.September
Heute Früh wurden wir wieder mit den chinesischen Nationalhymne geweckt. Schon gestern hatte ich mich gewundert, warum morgens um 8 plötzlich die chinesisches Nationalhymne über den Campus tönte, gefolgt von anderen Liedern, die mich irgendwie an Kinderlieder erinnerten. Ich dachte zuerst, das wäre wahrscheinlich die Begrüßung zum ersten Tag. Doch als wir heute wieder mit der Hymne geweckt wurden, erzählten mir die anderen, dass es in der Nähe einen Kindergarten gab, wo die Kinder jeden Morgen zur Nationalhymne stramm stehen müssen. Deshalb auch die Kinderlieder danach *gg*.Nach dem Mittagessen in der Mensa, machte sich unsere Multi-culti-Gruppe auf Richtung Tiger-Beach um Baden zu gehen. Zuerst dachten Xiaxi und ich, dass wir nicht mitgehen können, weil der Internetmann kommen sollte, um Internet in unser Zimmer zu legen. Aber irgendwie hatte die Fuyuan wohl vergessen uns zu sagen, dass er gestern schon kommen wollte, als wir beim Strand waren, und deshalb bekommen wir erst am Freitag Internet ins Zimmer. Im Normalfall hätte ich mich bestimmt geärgert, aber die Alternative an den Strand gehen zu können, statt auf den Internetmann waren zu müssen, versöhnte mich gleich wieder.
Wir nahmen den Bus Richtung Bahnhof, und Tina und ich fragten nach dem Anschlussbus. Wir kamen uns ein bisschen vor wie Fremdenführer, als wir vorausgingen, und die ganze Gruppe von 17 Leuten hinter uns her. Im Bus begann eine Chinesin mit mir zu reden, und ich versuchte so gut es ging zu antworten. Obwohl ich nicht immer alles gleich auf den ersten Anhieb verstand, so konnte ich mir doch meist denken, was sie meinte und so redeten wir die ganze Busfahrt lang.
Von der Busstation waren es noch etwa 25 Minuten zu gehen. Aber das störte mich nicht, noch viel weniger, als mich Seraina anrief, und wir einen Großteil der Wegstrecke miteinander quatschten. Ich freute mich so riesig, dass sie anrief. Diese 4 Woche Peking, hatten uns wirklich zu Freundinnen, nicht nur Zimmerkolleginnen gemacht. :-)))
Hinter einem Heiratsstudio gingen wir viele schmale Treppen hinunter zu einem etwas abgelegenen, romantischen Strand, wo kaum Leute waren. Hier war es wirklich wunderschön. Das Wasser war zwar dreckiger als gestern, aber dafür war das Ambiente atemberaubend. Hier machen die chinesischen Paare gerne ihre Hochzeitfotos. Als wir dort waren, war auch gerade ein Paar dabei Hochzeitfotos zu schießen. Das Lustige war, dass ein Mann dahinter gerade seinen nackten kleinen Sohn im Meer wusch… Das werden lustige Hochzeitfotos werden, wenn man die beiden auch darauf sieht *gg*.
Als die Sonne langsam zu sinken begann, machten wir uns auf den Weg zurück.
Die meisten nahmen ein Taxi, nur Kingyan und ich beschlossen den Bus zu nehmen, und noch den Spaziergang zur Haltestelle zu genießen. Ich finde Bus fahren viel interessanter. Man lernt mehr von der Stadt kennen, kennt sich schneller aus, und hat oft ganz interessante Konversationen mit den chinesischen Leuten im Bus. Im Bus haben die Leute Zeit um zu reden, und nachdem ich, als große, blonde Frau immer irgendwie auffalle, kommt es oft vor, dass die Leute mich anreden. Vielleicht sind die Chinesen nicht immer das freundlich lächelnde Volk, das man sich bei uns so vorstellt, aber die meisten sind doch offenherzig und freundlich. Dieses typisch schüchterne Bild von sich tausendmal verneigenden Frauen trifft irgendwie eher auf die Japaner zu.
Chinesen können ganz schön laut sein, wenn ihnen was nicht passt, dann können sie mit den Händen herumfuchteln und schimpfen wie die Rohrspatzen. Schlange stehen, mögen sie sowieso nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Da wird vorgedrängelt was geht.
Und was das Allerlustigste ist: der Straßenverkehr. Da wird einfach energisch drauflos gefahren, wenn jemand in die Quere kommt kräftig gehupt und weiter gefahren. Aber auch mysteriöse Weise schaffen sie es trotzdem von A nach B zu gelangen, ohne mit anderen hupenden Wagen zu kollidieren, oder irgendwelche kreuz und quer über die Straße laufende Fußgänger über den Haufen zu fahren. Ampeln werden nur hin und wieder beachtet, aber die meiste Zeit ist rot genauso gut wie grün um über die Kreuzung zu fahren.
China ist in vieler Hinsicht, ganz anders als Europa. Doch genau das, finde ich, macht es so interessant und so spannend. Ein Land voller Gegensätze, voller Dynamik, voller Energie, und doch auch geprägt von einer gewissen Ruhe, die die Menschen in sich tragen. Wenn sie sitzen können, dann sitzen sie, wenn sie liegen können dann liegen sie. Meistens haben sie Zeit für ein Gespräch, und bleiben hilfsbereit stehen, wenn man sie um Rat fragt. Sie haben Zeit stehen zu bleiben, um etwas Neues zu sehen, oder zu erfahren, oder den Ausländern beim Majiang spielen zuzusehen, wie damals in Peking.
Wenn ich mir anmaßen darf meine ersten Eindrücke der chinesischen Mentalität in einem Satz zusammenzufassen, dann würde ich die meisten Chinesen als energische, lautstarke Menschen beschreiben, die aber trotz allem ein gutes Herz und eine sehr offene, freundliche Art haben. Was mir besonders an ihnen gefällt, ist ihr zufriedener Gesichtsausdruck. Chinesen scheinen sich mit einer schwierigen Situation viel besser umgehen zu können, als wir Europäer. Wenn sie etwas nicht so toll finden, dann schimpfen sie vielleicht kurz mal wild herum, aber das scheint sich nicht auf ihre allgemeine Gemütslage auszuwirken. Davon bekommen sie noch lange keine Sorgenfalten oder einen so mürrischen Gesichtsausdruck, wie ihn viele Leute in Europa an den Tag legen.
Das ist mir besonders im Zug aufgefallen, als Mate sich ständig beschwerte wie unbequem das Bett ist, und wie schlimm er das hier alles findet. Wenn man im Gegensatz die Chinesen ansah - die lagen mit zufriedenen Gesichtern in ihren Betten, die Mutter unter uns teilte ihr Bett sogar mit ihrer kleinen Tochter, und beschwerte sich darüber nicht im Geringsten. Am Morgen saßen die Chinesen schon munter und fröhlich auf den kleinen Sitzen im Gang und mampften ihr Frühstück, während Mate, kaum aufgewacht, wieder begann sich über seine „furchtbare“ Nacht zu beklagen.
Wenn wir in Europa, ein bisschen mehr von dieser Mentalität lernen würden, dann würden wir bemerken, wie wunderschön das Leben eigentlich ist, wenn man aus den Fliegen keine Elefanten macht.
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