Di 29. Jänner – Do. 7. Februar 2008
Hongkong war eine tolle Zeit, und irgendwie fast ein bisschen wie nach Hause kommen. Kingyans Mama, die ich gleich schon Esther nennen durfte, kümmerte sich so rührend um mich, und lud mich ein, auch nach dem 2. Februar, an dem Kingyans Freundin kommen sollte, noch bei ihnen wohnen zu bleiben.
Eigentlich war es ja zuerst geplant gewesen, dass ich zu dieser Zeit zu Rukmanis indischem Freund ziehen kann, aber nachdem sich Ruks einfach nicht mehr meldete, und wie vom Erdboden verschluckt war, begann ich dann nach Jugendherbergen zu suchen, konnte aber bei den europäischen Preisen die in Hongkong herrschen, nichts komfortables und von Preis her annehmbares finden, das nicht schon über die ganzen chinesischen Feiertage ausgebucht war.
Wir frühstückten immer wie eine große Familie, es gab feines Brot und Butter, Kaffee, Obst, Milch und Joghurt. Besser hätte es mir gar nicht gehen können.
Kulinarisch war Hongkong für mich sowieso ein Traum. Ich probierte zwar viel Neues. Ich aß traditionelles kantonesisches Frühstück, von dem mir Kingyan schon in Dalian immer vorgeschwärmt hatte; alle möglichen traditionellen Gerichte, die auf kleinen Servierwägelchen von den Kellnern durch den großen Frühstücksaal geschoben wurden, und wo man mit Handzeichen winken konnte, dass man das haben wollte, ich aß chinesischen Hotpot, andere kantonesische Gerichte, die Esther für uns zubereitete, und als wir einmal von Kingyans Onkel zum Japanischessen eingeladen wurden, probierte ich sogar rohen Fisch, Hühnerfleisch, das man in rohes Ei tunkte, und sonst noch allerlei neue Dinge.
Aber irgendwie hatte Esther herausgefunden, dass ich das europäische Essen doch sehr vermisste, und begann, ohne dass man sie davon abbringen konnte, jeden Tag etwas Chinesisches zu kochen, und eine separate Portion Spagetti, Champignonrahmschnitzel, Hühnchen in Rahmsoße, Tortillini oder andere europäische Köstlichkeiten für mich. Sie wollte, dass ich mich hier zu Hause fühle, und dafür war ihr kein Aufwand zu groß.
Kingyan und ich bedanken uns damit, dass wir das Geschirr wuschen, Boden putzten, das Staubsaugen übernahmen und auch sonst halfen wo wir konnten.
Wenn es uns zu weit war mit der Fähre oder der Metro nach Hongkong Island zu fahren, dann gingen Kingyan und ich, und gelegentlich auch seine Mama mit uns in DB spazieren. Der kleine Resort hatte, alles was man brauchte. Auf dem Zentrumsplatz, gab es einen Supermarkt, Drogerie, Elektrogeschäft, Papiergeschäft, Kiosk, Blumenladen, eine eigene Post und Bank…. einfach alles was man sich vorstellen konnte.
Die Menschen hier schienen fast ausschließlich aus Europa zu kommen, und wenn man durchs Zentrum lief, oder sich beim Bankomat anstellte, kam es nicht selten vor, dass man vor sich Franzosen hatte, hinter sich Briten, auf dem Platz traf man dann vielleicht einen Deutschen und im Supermarkt an der Kasse hörten wir sogar mal Schweizer.
In der Bucht war ein großer, sauberer Sandstrand, mit einem kleinen Kinderspielplatz in der Ecke und überall wo man hinschaute, sah man Kinder spielen und sich auf Englisch unterhalten. Auch die Bediensteten in den Geschäften redeten alle Englisch, und begrüßten einen mit „Good Morning Madam“. Es war irgendwie, wie ein Flecken England verpflanzt an einen Strand mit Palmen und einem verzaubernden südlichen Flair.
Hongkong, City of Skyscrapers
Mit der Discovery Bay Ferry hinüber zu Central gelangte man direkt ins Herzen Hongkongs. Eine pulsierende Stadt, in der ein Skyscraper neben dem anderen steht und man von einem dieser Tower über Übergänge und Tunnels zum nächsten gehen konnte. Manchmal gab es eine Rolltreppe, oder vielleicht besser beschrieben, als eine Art Förderband, auf das man sich stellen konnte und 2 Etagen über dem Boden durch die Altstadt in Soho fahren konnte. Hongkong schien nicht nur eine Ebene zu haben, sondern man konnte, durch weite Teile der Stadt, von einem Shopping Center zum nächsten gehen, ohne einmal den tatsächlichen Boden berühren zu müssen. Die Gebäude waren so hoch, dass man fast Genickstarre bekam, wenn man hinaufschaute, und der obere Teil des Turm nicht selten schon im Nebel verschwand. Besonders tagsüber, waren alle sehr businessmäßig gekleidet, und Anzug und Kravatte schienen ein Muss zu sein. Kingyan und ich in unseren Sportjacken, fühlte uns zum ersten Mal, seit wir in China sind, nicht over- , sondern um einiges underdressed.
Doch neben diesem hypermodernen Hongkong gab es auch Ecken, da glaubte man in England zu sein. Auf dem Weg Richtung Hongkong Park, entdeckten Kingy und ich zwischen den Hochhäusern, versteckt hinter einer Menge Bäume eine alte Englische Kirche. Auch der Hongkong Park, den die Engländer, kurz bevor sie Hongkong verlassen mussten, auf dem Gelände der ehemaligen englischen Kasernen errichtetet hatten, war sehr an die Gestaltung der Londoner Parks angelehnt. Neben einem riesigen Vogelhaus in das man die Vegetation aus einem Dschungel irgendwo in Südamerika verpflanzt hatte, und in dem man über 100 Vogelarten „freilebend“ bewundern konnte, faszinierte mich dort besonders ein Heldendenkmal. Aber keines für irgendwelche Gefallenen im Krieg, sondern für die Ärzte und Krankenschwestern, die im Kampf gegen die SARS, die Hongkong bedrohte, gestorben waren.
Neben dem kulinarichen Verwöhnkurs für unseren Magen, gab es hier auch reichlich Kost für unseren in letzter Zeit etwas unterernährten Geist. Während man in Dalian fast keine englischen Zeitungen bekam, konnte man hier von Girlie-Zeitschriften, über den National Geographic, hin zu Kulturmagazinen oder dem Economist einfach alles bekommen. Wie ein Schwamm sog unser Gehirn alles auf was es zu lesen bekam, und das Vakuum zu füllen. Während mir zu Hause nicht eingefallen wäre, den Economist als Bettlektüre herzunehmen, konnte ich hier gar nicht genug davon bekommen.
Wenn wir nicht gerade mit einer Zeitung in einem der Cafes saßen und bei Kaffee und Kuchen unser Weltwissen wieder auf den aktuellsten Stand brachten, dann schmökerten Kingyan und ich oft in den Bücherläden der Stadt. Es gab Wörterbücher mit Pinyin und englischen Erklärungen, gute auf Englisch geschriebene Grammatikbücher, und sonstige Chinesischlernhilfen in englischer Sprache. Als wir dann den größten Buchladen der Stadt, das Page One am Times Square fanden, schien die Zeit an uns vorbeizurasen, oder wir in einer anderen Welt zu verschwinden, …bis man uns schließlich gegen 23:00 den Ladenschluss durchsagte.
Hongkong, City of European culture and life style
Hongkong ist ganz anders als jede andere chinesische Stadt die ich bisher gesehen habe. Die Straßen und Gebäude sind sauberer, die Menschen höflicher und freundlicher, der Service prompter und verlässlicher. Hier ist es verboten in öffentlichen Plätzen zu rauchen, die Menschen werfen ihren Müll in den nächsten Müllkübel statt einfach auf die Straße, benutzen Taschentücher um sich zu schnäuzen, anstatt einfach auf die Straße zu rotzen, halten sich die Hand vor wenn sie gähnen, warten geduldig in der Schlange, ohne sich zu vorzudrängen Niemand fuchtelt mit Händen und Füßen und schreit wie ein Wilder, niemand schaut einen komisch an, und niemand würde mich als Ausländerin bezeichnen. Die Bediensteten in den Geschäften sind ausnahmslos zuvorkommend und freundlich, sprechen alle englisch, und zwar noch lieber als Standartchinesisch und sind bemüht einem zu helfen, wann immer sie können. Als wir im Page One ein Buch bestellten, waren wir noch nicht einmal aus dem Laden hinausgelaufen, da rief uns schon der Verkäufer auf dem Handy an, dass er soeben mit dem Zulieferer gesprochen hätte, und das Buch nächsten Mittwoch da sei. Wir waren beide ganz verwundert, denn als wir damals in Dalian ein Buch bestellten, meinten die Verkäufer jeden Tag wir sollten am nächsten wieder kommen und schlussendlich, nach einer Woche sagte sie uns dann, dass es das Buch gar nicht gibt. Die Preise sind größtenteils angeschrieben, wenn auch fast gleich hoch als in Europa, und man bezahlt, außer auf den Märkten, die gleichen Preise ob man nun Ausländer ist, oder aus dem Inland.
Bei der U-Bahn lassen die Menschen zuerst die Leute in der U-.Bahn aussteigen, anstatt sich gleich hineinzudrängeln. Kurz gesagt, in den etwa 100 Jahren in den die Engländer hier waren, haben sie wohl den Chinesen hier ein Stück europäische Kultur und Manieren beigebracht, die die Hongkonger jetzt mit Stolz fortführen, genauso wie ihre Sprache, die sich vom Chinesisch des Festlandes in dieser Zeit unabhängig zum Kantonesischen entwickelt hat, und ihre Zeichen, die nicht durch die kommunistische Reform vereinfacht worden waren. Bevor sie mit dir Standartchinesisch sprechen, werden sie lieber Englisch sprechen, und das mit einem authentischen britischen Akzent. Doch ebenso feiern sie das chinesische Neujahr mit den Chinesen, haben die chinesischen Höflichkeitsformeln wahrscheinlich genauso im Blut wie die europäischen, und sind so irgendwie ein Verbindungsstück, zwischen China und dem Westen.
Am 2. Jänner kam Kingyans Freundin zu uns nach Hongkong. Wir hatten schon alle Vorbereitungen getroffen, mein Zeug in das Dachbodenzimmer verfrachtet und für Kingyan und seine Freundin das Gästezimmer hergerichtet, Blumen gekauft und Essen zubereitet. Während Kingyan zum Flughafen fuhr um sie abzuholen, erledigten Esther und ich noch die letzten Details, und dann war sie da. Zwar anders als ich sie mir vorgestellt hatte, aber total lieb. Während ich zuerst noch etwas Angst hatte was sie wohl sagen würde, dass ich die ganze Zeit mit ihrem Freund herumhänge, dann einen Monat mit ihm reise, und schlussendlich auch noch im Haus seiner Mama wohne, stellten sich diese Sorgen als unnötig heraus. Sie sah wohl, dass Kingyan und ich zwar die besten Freunde waren, aber auch nichts mehr und wir kamen sofort wunderbar miteinander aus.
Wir gingen alle drei gemeinsam shoppen, essen, Kaffee trinken, spazieren und selbst wenn ich sagte, ich würde nicht mitkommen, zog sie mich immer ganz lieb am Arm mit.
Ich hatte das Gefühl, auch wenn Kingyan nichts sagte, war er froh, dass seine beiden Mädels so gut miteinander auskamen.
Flower Market zum chinesischen Neujahr
Am 6. Februar, dem letzten Tag im chinesischen alten Jahr, gingen wir auf den, jedes Jahr extra nur für dieses Fest aufgebauten Blumenmarkt. Es wimmelte von tausenden Menschen, die in letzter Minute, um die billigsten Preise zu erhaschen, noch glückbringenden Blumenschmuck für ihr Hause kaufen wollten. Wir selbst waren gekommen um für Kingyans Mama ein Geschenk zu kaufen. Wir drängelten uns mit den Menschen durch die Blumenstände. Kingyan übernahm das nach den Preisen fragen für uns, da er die Menschen auf Kantonesisch fragen konnte, und damit Inländervorteil genoss. Nach längerem Hin und Her entschied ich mich schließlich eine Orchidee zu kaufen und einen dazupassenden Blumentopf. Kingyan und Pha schleppten einen großen Manderinenbusch nach Hause, der übersäht war, mit den orangen, kleinen Kugeln. Da Juzi, das Wort für Manderine, im Chinesischen ähnlich klingt wie ein Begriff für Glück, schenkt man sich diese Manderinenbüsche an Neujahr. Da waren unsere kleinen Glückschweinchen ja um einiges praktischer *gg*
Kingyan schleppte den Busch, Pha den Untertopf, ich meine Orchidee, und so zogen wir in dem langen „Pilgerzug von Blumen“ wieder zurück zur Metrostation. Zu Hause angekommen topften wir dann alles so ein wie wir es haben wollten und hatten gerade noch genug Zeit, den Blumenschmuck in der Wohnung aufzustellen, bevor Kingyans Mama heimkam.
Party in Hongkong
Alle Möglichkeiten von Hongkong zum Flughafen in Guangzhou zu kommen, von wo ich mein Ticket zurück nach Dalian gebucht hatte, schienen viel zu riskant und gefährlich zu sein, und so buchte ich schließlich einen neuen Flug, direkt von Hongkong nach Dalian. Als ich in der Früh aufstand und in die Küche hinunter lief, sah ich, dass Kingyan und Pha schon im Supermarkt einkaufen waren, und gerade fleißig dabei waren, alle Zutaten für ein thailändisches Gericht herzurichten, das Pha für mich zum Abschied kochen wollte. Während ich den Rest meines Rucksacks packte, und noch einmal zum Central Plaza von DB ging um eine Dankeschön-Karte für Esther und Uncle Peter zu kaufen, bereiteten Pha und Kingyan für mich ein Abschiedsessen der Extraklasse zu. Ich hatte noch nie zuvor thailändisch gegessen, und hatte keine Ahnung wie das schmecken würde. Exotisch, cremig, scharf, und unglaublich lecker. Ich ernannte ihr Gericht gleich zu einem meiner Lieblingsgerichte.
Nach dem Essen mussten wir dann in aller Eile aufbrechen. Kingyans Mama und ihr Freund steckten mir noch ein Geldsäckchen zu, das man am chin. Neujahr traditionellerweise mit „lucky money“ verteilte und luden mich mit einer großen Umarmung ein wieder zu kommen, und meine Eltern einzuladen, auch Gast in ihrem Haus zu sein. Ich bedankte mich unzählige Male für ihre Gastfreundschaft und das Gefühl des zu Hause sein, das sie mir gegeben hatten. Dann schulterte Kingyan meinen Rucksack, ich nahm die Tasche, mit den ganzen Büchern die ich gekauft hatte, und wir rannten zur Bushaltestelle.
Pha und Kingyan begleiteten mich bis zum Flughafen, wo ich meine Metrokarte von Hongkong zurück gab, Kingyan meine SIM-Karte gab, und wir das restliche Geld das ich noch hatte, in einem feinen italienischen Kaffee am Flughafen ausgaben. Alle drei von uns, noch müde von der gestrigen Nacht, bestellten einen großen, guten Kaffee und schauten uns noch einmal gemeinsam die Fotos von unserer Zeit in Hongkong an.
Der Abschied war herzlich, und wir beschlossen uns im Sommer in der Schweiz alle drei mal wieder zu treffen und gemeinsam Phas leckeres Thaiessen zu kochen.
Zurück nach Dalian
Und so ging meine einmonatige Reise zu Ende. Ich saß wieder im Flugzeug zurück nach Dalian. Es war eine interessante Reise, mit guten und schlechten Erfahrungen, einer Menge Schutzengel und so vielen neuen Eindrücken, dass mir ganz schwindelig wurde, wenn ich sie versuchte im Kopf zu ordnen. Würde eine lange Arbeit werden, das alles niederzuschreiben.
Als wir dann aus den Wolken Richtung Dalian flogen, gingen über der Stadt tausende Feuerwerke zum chinesischen Neujahr ab. Wir landeten in Mitten dieses Funkeln und Glitzern und ich war wieder da. Back in Dalian.
Ich verhandelte mit den Taxifahrern, bis einer einwilligte, mich zu einem halbwegs anständigen Preis zurück zu meinem Wohnheim zu bringen. Und als ich dann die stillen Treppen hinaufging, hatte ich schlussendlich doch irgendwie ein bisschen das Gefühl wieder heimgekommen zu sein.
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