Donnerstag, 14. Februar 2008

Halbzeit!!! Ein halbes Jahr in China

Donnerstag 24.Jänner 2008

Heute machten Anna und ich eine Tandemradeltour zu einem Park in der Nähe unseres Hotels. Auf der Karte sah das ja auch wirklich sehr nahe aus, doch was man auf der Karte nicht sehen konnte, war die Steigung des Berges, den wir da hinauf radeln mussten. Nachdem unserem eigentlichen Plan der Küste entlang zu radeln, von den Parkwächtern, der einzelnen Hotelanlagen ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde, nahmen wir also diese Höhenstraße, und strampelten, mit dem Fahrrad ohne Gängen, den Berg hoch, auf dessen Spitze ein Park für Verliebte angelegt worden war. Ausgehen von einer alten Sage, dass sich dort ein Reh in eine wunderschöne Frau verwandelt haben soll, in die sich der Jäger dann verliebte, waren in diesem Park, an jeder Ecke irgendwelche romantischen Pavillions oder Inschriften in Steinen, vor denen sich die chinesischen Pärchen in Haufen fotografieren ließen. …Vielleicht ist das ihre Art der Paartherapie, wenn mal was schief läuft *gg*

Nachdem wir uns dort wieder von der Treterei erholt hatten, fuhren wir weiter, den Hügel wieder hinunter zur nächsten Bucht. Doch entgegen unserer Vorstellungen, dort einen nächste Strand zu finden, fanden wir, riesige gerodete Fläche, auf denen verlassene Bagger und Baugeräte standen, und dahinter eine Reihe armseliger Hütten, aus denen uns die Menschen feindselig entgegen sahen.

Eingeschüchtert von dieser ganzen trübseligen Atmosphäre, fragten wir einen Polizisten auf dem Motorrad, wie wir am besten wieder zurück kamen. Aber auch er schien keinen besseren Weg zu wissen, als den Berg wieder rauf zu fahren. Sein Kollege, der gerade mit dem Auto vorbeikam, trug ihm auf, den beiden Mädels da vorzufahren und uns den Weg zurück zu zeigen, und so hatten wir bis auf die andere Seite des Hügels Polizeieskorte. Na wenn man sich da nicht beschützt vorkommt *Gg*.

Oben angekommen, verabschiedeten wir unseren Freund und Helfer und düsten die Höhenstraße wieder hinunter in unsere Bucht aus der wir gekommen waren. Das Fahrrad machte diesmal die Arbeit fast von selbst, und hätte ich nach Annas Worten „nicht so viel gebremst“ wären wir sicher ans Tempolimit unseres Tandemfahrrads gekommen *gg*.

Abends gingen wir dann zum „Italiener“ essen, der zwar ein richtiger Italiener war, aber dessen Pizza, auch mit viel Pfeffer und Parmesan nicht wirklich zu genießen war, ganz zu schweigen von der Lasagne, die er, oder sein chin. Gehilfe ganz ohne Tomatensoße zubereitetet hatten. Nach trübseligen Slums, und schlechtem Essen wollten Anna und ich den Abend eigentlich tanzend ausklingen lassen. Doch auf unserer Tour durch unser nächtliches Viertel, fanden wir keine Bar aus der nicht russische Musik schallte oder Russen heraustorkelten, sogar die Barnamen konnten wir nicht lesen, weil alles in russischen Buchstaben geschrieben war. Genervt von einer Überdosis Russland in China, gingen wir dann in nicht gerade bester Laune heim. Anna musste sich so sehr über den heutigen Tag und über die allgegewärtigen Russen, aber noch viel mehr über die Chinesen ärgen, die, wie sie es sagte, wenn sie uns ansprachen oder angrinsten, nicht uns ansahen, sondern mit einem Röntgenblick die Geldtasche in unserer Tasche suchten, und sich immer zu denken schienen, wieviel Geld man diesem Ausländer wohl wieder abluchsen konnte, dass sie plötzlich anfing über alles Mögliche zu schimpfen. Da ich glaubte, sie würde mir die Schuld dafür geben, dass wir nun hier waren, und sie dafür sogar extra noch eine Nacht am Flughafen verbringen hatte müssen, wurde ich dann schließlich auch ganz bedrückt und wusste gar nicht mehr, was ich dazu noch sagen sollte. Doch genau so schnell wie die schlechte Laune zwischen uns beiden gekommen war, so schnell war sie auch wieder vorbei, und wir begannen, anstatt uns gegenseitig anzustinken, gemeinsam über Sanya , die Chinesen, die Russen und überhaupt über alle, aber ganz besonders über die Doofis aus unserer Jugendherberge zu lästern, die uns ständig falsche Auskünfte gaben, Annas Jugendherbergskarte aus fadenscheinigen Gründen nicht akzeptieren wollten und sonst auch zu nix gebrauchen waren.

Als wir dann vom Schimpfen schon ganz müde waren, bekam ich von Mama eine SMS zur Halbzeit in China… Ich hätts ja vor lauter Aufregung heute ganz vergessen, doch als es mir dann bewusst wurde konnte ich es erst gar nicht wirklich glauben…jetzt ist schon ein halbes Jahr vergangen, seit ich so verheult am Flughafen gestanden bin, und mir gar nicht vorstellen konnte, was mich denn da in China alles erwarten würde. Irgendwie ist die Zeit so schnell vergangen, dass ich manchmal denke, ob die Uhren hier in China schneller laufen. Wenn ich dann andererseits darauf zurück sehe, was ich schon alles erlebt habe, welche neuen Erfahrungen und Eindrücke ich gesammelt habe, dann kommt mir die Zeit vor wie eine Ewigkeit, und ich zähle die Tage bis ich wieder heim fliegen kann, um endlich alle meine Lieben zu Hause wieder mal zu drücken, mein Schwesterherzchen endlich wieder zu umarmen und ihre kleine Tochter kennen zu lernen.

Rückblickend gesehen, denke ich, das Schwerste an diesen alles auf den Kopf stellenden Entscheidungen ist immer die Überwindung einer großen Veränderung ins Auge zu blicken, und den Schritt zu wagen, ins kalte Wasser zu springen. Denn in Nachhinein stellt sich das kalte Wasser dann meistens gar nicht so kalt heraus, und wenn man offen ist für Neues, findet man überall Menschen, die einem über Wasser halten, wenn man sich selbst mal zu schwach fühlt um zu schwimmen.

Sicher, es war nicht immer alles ganz einfach, und als ich am ersten Tag in diesem fernen Land, unter lauter Menschen stand, deren Sprache ich nicht verstand, deren Sitten und Gebräuche ich nicht kannte, da kam ich mir mehr als nur verloren vor. Ich war plötzlich nicht mehr einfach nur ein Mensch wie jeder andere, sondern die blonde Ausländerin die von allen angestarrt wurde. Auf der Speisekarte konnte ich nichts lesen und es blieb nichts viel anderes übrig, als auf gut Glück irgendwas zu bestellen. Kam das Essen dann stand ich vor der Herausforderung, was auch immer es war, ohne Besteck zu essen. Plötzlich musste man Spagettinudeln irgendwie auf diese Stäbchen draufwickeln, und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie das gehen sollte, ohne alle Nachbarn mit Soße zu bespritzten, von den süßen, glitschigen Dessertkugeln ganz zu Schweigen, von denen ich mehr irgendwo im hohen Bogen über den Tisch beförderte, als schlussendlich in meinen Mund landeten. Ich hatte Mühe mich an die Stehklos zu gewöhnen, auf die man sein Papier immer selber mitbringen muss, es nicht ins WC sondern in einen Kübel daneben werfen muss, und die Türe meist nicht absperren kann. Nach den ersten paar kalten Duschen gab ich es schließlich auch auf, zu jeder Tageszeit duschen zu wollen, sondern begann mich an die Warmwasserzeiten im Wohnheim zu halten und meine Kleider fein säuberlich vor dem Bad zu platzieren, weil sie sonst, da die Dusche einfach mitten im Raum über dem WC hängt, beim Duschen einfach mitgewaschen werden....

Doch egal auf welche Schwierigkeiten ich auch stieß, es gab immer Menschen, die sich an meine Seite stellten, und mir über diese Hürden hinweghalfen. Während sich Seraina in Peking noch wie eine große Schwester um mich kümmern musste, konnten Kingyan und ich uns dann in Dalian schon gegenseitig stützen und lernten, nach und nach, uns in diesem Land zurecht zu finden und die Regeln zu verstehen, nach denen die Uhren hier laufen.

Ich glaube nicht, dass ich China irgendwann als meine zweite Heimat bezeichnen könnte, wie ich es mit London damals getan hatte, denn hier werde ich einfach schon wegen meinem Aussehen, immer ein Ausländer bleiben, die Leute werden mir immer nachschauen und untereinander wissend feststellen, ah… Amerikanerin… ah Russin, die Kinder werden sich immer nach mir umdrehen, mit dem Finger auf mich zeigen, und ihrer Mama ganz aufgeregt berichtet… Mama, schau! Ausländer!
Auch wenn ich glaube, dass diese Bemerkungen bestimmt nicht böse gemeint sind, ist es doch irgendwie irritierend, wenn man z.B. im Flugzeug von Hangzhou nach Sanya als eine der letzten ins Flugzeug kommt, dazu noch ganz nach hinten zu seinem Sitz laufen muss, und in jeder zweiten Reihe, an der man vorbeigeht, einer tuschelt… Waiguoren – Ausländer.

Und dennoch fühle ich mich wohl hier, und würde dieses Jahr mit all seinen wunderschönen Erlebnissen und lehrreichen Erfahrungen in meinem Leben bestimmt nicht missen wollen. Ich liebe diese Sprache, mit der man in so wenigen Worten, so vieles sagen kann, die in ihrer Komplexität doch auch wieder eine graziöse Klarheit birgt, und deren Zeichen ein Licht auf eine solch lange Geschichte werfen, in der es für mich noch so vieles zu entdecken und erfahren gibt. Und würde heute einer kommen und mir das halbe Jahr, dass ich hier noch habe wegnehmen wollen, ich wäre bestimmt nicht begeistert davon.

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