Sonntag, 10. Februar 2008

Kleine, große Welt

Dienstag 15. Jänner 2008

Nach einer letzten Nacht für diese Reise in einem Schlafwagon, setzten wir uns, nach dem Vorbild der Chinesen auf die kleinen Tischchen im Zugkorridor und frühstückten, nur im Gegensatz zu den Chinesen schlürften wir nicht lautstark unsere Fertignudelsuppe, die man nur mehr mit heißem Wasser aufzuschütten braucht, sondern aßen Brot und (Streich)Käse, wie richtige Europäer eben *gg*.
Angekommen in Shanghai nahmen wir die supermoderne U-Bahn zu unserer Jugendherberge.
Kingyan hatte in letzter Zeit eine hektische Art, die mich fast zur Verzweiflung brachte. Überall musste man immer hindurch rennen, und man hatte nie Zeit etwas gemütlich und langsam anzugehen, an jedem Bahnhof waren wir immer superüberpünktlich und mussten dann Ewigkeiten warten. Aber genauso wie dies mich manchmal aufregte, war ich auch wieder mehr als froh, so einen verlässlichen und umsichtigen Freund mit auf Reisen zu haben. Ich ertappte mich oft dabei, ihm einfach nachzulaufen, ohne selber viel zu denken, denn er schien sich mit Hilfe der Karte einfach überall immer gleich auszukennen.

Angekommen in der Herberge, checkten wir in winziges Viererzimmer ein, in dem es kein Fenster und zwischen den beiden Stockbetten gerade genug Platz gab, um sich umzudrehen. Die Glühbirne in der Zimmerecke gab auch nur ein sehr dürftiges Licht, und die Gemeinschaftsduschen am Stock waren mit denen in Peking auch in keinster Weise zu vergleichen. Doch nach 2 Nächten im Zug und der anstrengenden Zugfahrt gestern, war ich mehr als froh eine heiße Dusche nehmen zu können.
Anschließend aßen wir in einem kleinen Straßenladen zum ersten Mal wieder chinesische Nudeln, auch nicht viel besser als KFC-Fastfood, zumindest was den Fettgehalt anbelangt, aber zumindest wieder mal was anderes.

Unser Ziel für heute war der Yuyuan. Ein romantischer, kleiner Garten, mit verspielten Wegen, Geheimgängen, Wasserläufen, Seen und chin. Hallen in denen früher die Noblen ihren Tee nahmen. Ein idealer Ort um ein Sommerfest zu veranstalten, fand ich. Der Garten lang in Mitten eines Einkaufsviertel, dessen Läden alle dem alten chin. Häuserbaustil nachgebaut worden waren. Kingyan fand es ein bisschen zu kommerziell, mir gefiels. Im Starbucks, wohin wir vor dem Regen geflüchtet waren, traf ich – die Welt ist ja soooo klein- meine koreanische Banknachbarin aus Beijing wieder. Wir waren beide gleichermaßen überrascht und plauderten ein bisschen über alte Zeiten. Ich stellte ihr Kingyan vor, und sie mir ihre koreanische Clique mit der sie unterwegs war. Wir tauschten nochmals Emailadressen aus, und beschlossen in Kontakt zu bleiben.

Anschließend trennten sich unsere Wege wieder, obwohl nicht ganz. Ein paar Häuserecken weiter lief mir nochmals über den weg und rief uns Hallo zu, doch hätte Kingyan mich nicht auf sie aufmerksam gemacht, hätte ich sie wahrscheinlich einfach übersehen, da ich die blöde Angewohnheit angenommen hatte, auf der Straße einfach alle die mich mit „Hallo, Hallu“ anquatschten in der Annahme, es wären wieder irgendwelche Verkäufer die einem etwas aufschwatzen wollten, zu ignorieren.

Kingyan und ich schlenderten dann am Flussufer, dem Bund entlang wieder nach Hause. Zu Hause lernten wir unseren schwedischen Mitbewohner kennen, der uns ein paar Tipps zum Ausgehen gab. Ich war auch sofort Feuer und Flamme und hätte mir die Bars am liebsten gleich schon heute angeschaut. Doch Kingy, war nicht so richtig zu motivieren und meinte, dass wenn wir ausgehen, wir viel Geld brauchen würde.
Für was denn? Ich kann auch meinen Spaß haben ohne viel Geld auszugeben, und ohne Alkohol in Übermaßen zu trinken… Kingy war da aber anderer Meinung, und so gingen wir eben schlussendlich ein bisschen in der farbenfroh erleuchteten Stadt spazieren, fuhren mit dem Lift irgendeines Vergnügungspalastes bis in den obersten Stock, sahen uns die Stadt mal von oben an, und gingen dann wieder durch das nächtliche Shanghai zurück zu unserem Hotel. In der gemütlichen, kleinen Bar der Jugendherberge war noch einiges los, und Kingyan schlug vor, hier doch noch was zu trinken. Wir setzen uns in die gemütlichste Ecke der Couch, tranken unser eiskaltes Corona und redeten über unsere Reise, gute und schlechte Erfahrungen, unser Leben in China und was wir zu Hause zurück gelassen hatten. Kingyan erzählte mir von seiner Freundin, und wenn er von ihr erzählte, wurde seine Stimme viel wärmer und seine Augen begannen zu strahlen.
Als die Rede dann auf meine eigenen Herzensangelegenheiten kam, da fiel mir plötzlich auf, wie diese ganzen verwirrenden Geschichten aus dem Abstand fast des halben Globus betrachtet, viel weniger verwirrend aussahen und wie schön es eigentlich auch war, einmal Zeit für sich selbst zu haben, Zeit um sich selbst zu finden, und herausgerissen aus seiner vertrauten Umgebung nicht nur die Welt sondern auch sich selbst und sein eigenes Leben mit anderen Augen sehen zu lernen.

Keine Kommentare: