Samstag, 9. Februar 2008

Sun Island - Einsame Sommerresidenzen in eisiger Kälte

Donnerstag 10. Jänner 2008

Nachdem wir heute morgen gemütlich und lange ausgeschlafen und gefrühstückt hatten, schulterten wir unsere riesen Rucksäcke, die wir nicht in der Herberge lassen durften und machten uns wieder auf den Weg hinaus in die Kälte. Wir fuhren zur St. Sophia, einer orthodoxen Kirche, in der es eine kleine Fotosausstellung über die Geschichte der Stadt gab, die einst Moskau des Ostens genannt wurde. Viel von der einstigen Pracht der Kirche war jedoch nicht übrig geblieben und so gingen wir mehr oder weniger begeistern in Richtung unseres nächsten Ziel: die Taiyangdao (Sun Island). Als ich auf dem Weg dorthin in einer Eisbar ein Foto machte, wollte ein geschäftstüchtiger Chinese gleich wieder 20 Yuan dafür, und als ich so tat als würde ich ihn nicht verstehen, ging er zu Kingyan, um sich bei dem über mich aufzuregen. Als Kingyan ihm erklärte, dass wir die Zeichen, die an der Türe standen und offenbar bedeuteten, dass man hier für Fotos zahlen musste, nicht lesen konnte, wurde der Chinese ganz verrückt und beschimpfte Kingyan als blöden Zhongguoren (Chinesen) *ggg*. Auch die Pferdekutschenfrauen, die wieder Auländer gesichtet hatten, und die wir so gut es ging zu ignorieren versuchten, tuschelten hinter unserem Rücken, dass dieser Chinese da, sehr wohl Chinesisch verstehen müsse, und sich nicht so doof anstellen brauche *gg*.

Am Fluss angekommen wichen wir dann den ganzen Pferdekutschen aus, und gingen, ungestört von den Marktschreierinnen über den gefrorenen Fluss zur Sun Island.

Einsam und verlassen standen dort die alten, nobeln Sommerresidenzen europäischer Siedler. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, und die Sonne, die durch die kahlen, alten Bäume ihr mattes, gelbes Licht warf, gab dem Ganzen einen mystischen Touch. Durch die trüben Fenster konnte man in die Häuser sehen, und man fragte sich, wie lange dort schon niemand mehr gewohnt hat. Man hatte das Gefühl, plötzlich in eine andere, stille Welt eingetreten zu sein, und das einzige das man hören konnte, war der vereinzelte Schrei einer Krähe und das Knirschen der eigenen Schritte auf Eis und Schnee. Wir spazierten durch die verlassenen Wege, hindurch zwischen noblen, europäisch anmutenden Villen und genossen die Stille.

Ich hatte das Gefühl die Kälte hier in dieser Einsamkeit wäre noch unerbitterlicher als in der Stadt und bald konnte ich meine Finger kaum mehr bewegen. Kingyan, mein Lebensretter gab mir seine Innenhandschuhe und steckte seine Hände in die Taschen seiner Snowboardjacke. Fast wortlos gingen wir dann über den fast einen Kilometer breiten, zugefrorenen Fluss wieder zurück zur Stadt, sahen noch ein paar Testfahrern auf der Audi-Teststrecke zu, die in lustig anzusehenden Schlangenlinien und Rutschmanövern auf dem Fluss herumdüsten.

Wieder auf der Stadtseite des Flusses angekommen gingen wir durch eine Audi-Verkaufsstädte aus Eis, wo am Abend eine Werbeparty auf einer Bühne aus Eis stattfinden sollte, zurück zur Stadt, und wärmten uns wieder mal im KFC auf, den es in dieser Stadt mindestens so zahlreich gab, wie Eisfiguren.

Auf der Straße waren die Stromkabel für die Beleuchtung der Eisfiguren einfach mit Wasser festgemacht worden, das im gefrorenen Zustand die Kabel zumindest bis zum Frühling festhielt, und die Überreste der schlechten Angewohnheit der Chinesen einfach überall hinzuspucken, übersäten in gefrorener Form den Boden. In die Brunnen hatte man Antifrostmittel geleert um sie vor dem Einfrieren zu bewahren, und sogar der Kinderspielplatz mit Karussell und Rutsche war aus Eis.

Froh diese menschenfeindliche Kälte bald wieder verlassen zu können, wanderten Kingyan und ich dann Richtung Bahnhof, wo wir uns noch mit russischem Brot und einer dicken russischen Wurst eindeckten, eine der besten Sache, behauptete Kingyan, die Harbin für zu bieten hatte *gg*.

Gott sei Dank hatte Leo vor ein paar Tagen als wir noch in Dalian waren, die letzten Zugtickets von Harbin nach Peking für uns besorgt. Denn sonst hätten wir, da man die Zugtickets hier in China immer nur eine Woche im Voraus und nur an dem Bahnhof von dem man abfahren möchte, kaufen kann, wohl noch länger in dieser eisigen Kälte ausharren müssen, bis wir die nächsten Zugtickets ergattern hätten können, die hier in China in der Ferienzeit vor dem chinesischen NeuJahr wortwörtlich Mangelwaren sind.

Da er aber zu dieser Zeit nicht anders mehr bekommen konnte als 2 Betten im erste Klassewaagen, fuhren wir diesmal mit nur 2 Betten übereinander, genügend Platz um sich aufzusetzen und sogar einem Fernseher für jedes Bett zur nächsten Station unserer Reise… Peking

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