Dienstag 11.März 2008
Nach einem eher ruhigen Morgen im Chinesischkurs ging ich Mittags mit Helene Malatang essen. Ein anderes chinesisches Gericht, das ich nicht ungern habe. Man wählt an einer Theke verschiedene Blattgemüse, Pilze, kleine Eier, Tofu oder Fleisch- und Fischbällchen aus, die dann kurz in einer würzigen Brühe schockgekocht werden. Die Suppe die daraus entsteht isst man dann, wenn man will zum Reis und bekommt zusätzlich eine Erdnusssoße und eine Essigsoße in die man Zutaten vor dem Essen tunken kann. Nachdem die Soße in der das Ganze gekocht wird, meisten recht scharf ist, hab ich meinen Reis oft vor der Suppe fertig, aber im Großen und Ganzen ist das Ganze recht gut, und auch mal nicht so fetthaltig, wie das meiste andere chinesische Essen.
Anschließend suchten wir ein kleines Geschenk für Helenes Mitbewohnerin die heute Geburtstag hatte und ich ging dann, schon eingestimmt aufs Französische in meinen Mittwochskurs. Nachdem ich durch alle chinesischen Studenten wieder, möglichst ohne zu viel angestarrt zu werden, ins Klassenzimmer geschlüpft war, saß ich in der letzten Reihe und hörte Monsieur Stephan bei seinen Vortrag zu. Da ich nun als offizieller Teilnehmer seines Kurses gemolden war, ließ er mich mit meiner Banknachbarin einen Dialog aus dem Buch vorlesen. War irgendwie lustig dieser doch recht heftige Akzentunterschied zwischen ihrem und meinem Französisch.
Ich fand es schön, dass der Lehrer im Gegensatz zum Montagslehrer mich in den Unterricht miteinschloss, und saß mit einem riesen Smile in der Klasse; schrieb jede Wendung, jedes kleine Detail das mit auffiel mit, um alles was ich konnte von diesen ein-einhalb Stunden Französisch zu profitieren. Würde ich meinen 4 Sprachen Personen zuordnen dann wäre Deutsch wohl eine Mama, die einem von Kindheit an begleitet hat, einem die Welt gezeigt hat, so wie sie aus ihrer Sicht eben aussieht, Englisch meine große Schwester, Chinesisch eine Freundin aus einem fremden Land, die man besser kennen lernen muss, um ihre Gedankengänge verstehen zu können, und Französisch meine große Liebe. Man versteht zwar auch nicht immer genau warum etwas so ist, aber es ist so schön, dass man es einfach so akzeptiert wie es ist und am liebsten den ganzen Tag sich nur damit beschäftigen würde. Der Klang dieser Sprache, die Wahl der Wörter, die Konstruktion der Sätze, die Idee, die hinter den Ausdrücken steht, ist für mich einfach so faszinierend schön.
Nach dem Unterricht wartete der Professor wieder auf mich und begleitete mich bis zum Ende des Campuses.
Überdrüber happy machte ich mich auf den Nachhauseweg und war mir irgendwie sicher, das richtige Studium gewählt zu haben. Sicher ist es viel Arbeit, jede meiner 3 Fremdsprachen so zu lernen, dass es nicht peinlich ist, den Mund aufzumachen. Aber so viel Freude wie es mir macht, die Strukturen zu analysieren, den Klang der Sprache nachzuahmen, die Ideen zu erkennen, die hinter der Ausdrucksweisen der verschiedenen Sprachen stecken, mit Menschen verschiedener Länder in ihrer eigenen Sprache sprechen zu können, dazu noch Zugang zu Informationen in den verschiedensten Sprache zu haben, ohne einen Übersetzer als Mittelsmann zu brauchen, der den Sinn ja doch immer nur so hinüberbringen kann, wie er ihn verstanden hat, ist diese Mühe auf jeden Fall wert.
In dieser euphorischen Stimmung ging ich dann zu Kingyan und wir bereiteten gemeinsam unsere morgigen Stunden vor.
Gerade als ich nach Hause gehen wollte, rief mich Hongying an, und wir verabredeten uns auf den Abend zum Joggen. Das muss ein lustiges Bild gewesen sein, sie und ich am Joggen. Da sie nicht größer als 1,50 ist, musste sie sicher doppelt so viele Schritte machen, als ich. Während ich also gemütlich am Laufen war, war sie schon richtig am Rennen.
Als wir sahen, dass in der Schule noch immer Licht war, und viele der chinesischen Studenten immer noch dort saßen um zu lernen, begannen wir eine sehr interessante Diskussion über verschiedene Einstellungen zum Leben, deren einstimmiges Ergebnis war, dass das Leben keinen Sinn hätte, würde man sich nicht neben der Arbeit und dem Studieren auch einmal Zeit für die schönen Seiten des Leben zu nehmen. Was bringt es, wenn man sein Hirn mit Wissen angefüllt hat, seine Taschen mit Geld und dann mit leerem Herzen zu sterben, ohne jemals eine gute Freundschaft oder eine große Liebe erlebt zu haben. Was bringt es wenn ich den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs berechnen kann, wenn ich nie die Zeit hatte einen zu sehen. Was bringt es wenn ich weiß wie sich Blumen vermehren, wenn ich keine Zeit habe, mich an ihnen zu erfreuen? Was bringt es wenn ich Liebesgedichte in 10 Sprachen schreiben kann, aber keine Zeit habe, sie jemanden zu schenken? Was bringt es, wenn ich weiß, wie viele Sorten Bäume es auf der Welt gibt, wenn ich nie die Zeit hatte, den Duft des Waldes nach einem Regen einzuatmen? Was bringt es die Freundschaft psychologisch analsyieren zu können, wenn ich keine Zeit habe, dieses Gefühl mit jemandem zu teilen? Was bringt es, die Geburtsraten aller Länder zu kennen, wenn ich nie ein Baby im Arm tragen konnte? Nichts… wir würden mit nichts im Herzen und Taschen voller Geld alleine, als arme Menschen sterben, weil wir nie die Zeit hatten, die kleinen Wunder auf der Welt zu sehen, die kleinen Freuden, die uns jeder Tag schenkt zu genießen.
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