Mittwoch 12. März 2008
Heute fing ich mein erstes Tagebuch auf Chinesisch an. Das Interessante daran ist, dass sich das, nicht nur deshalb weil ich es am Ende des Semesters dem Lehrer abgeben muss, sondern auch einfach deshalb, weil das Vokabular, das wir in den Büchern gelernt haben, in eine bestimmte Richtung drängt, ganz anders anhört, als mein Blog.
Während ich im Deutschen unzählige Wörter habe, um Gefühle zu beschreiben, Träume, Stimmungen, Athmosphären wieder zu spiegeln, ich schöne Wendungen und verzierte Formulierungen verwenden kann, ist das Chinesisch klar und prägnant, legt in wenigen Worten dar, was Faktum ist, und lässt dem Leser die Aufgabe über, sich zu überlegen, wie die Sache auf der Gefühlsebene wohl ausgesehen hat.
Man wird beeinflusst in seiner Denkweise, von der Sprache in der man gerade schreibt und von dem Weltbild das die Menschen haben, von denen man diese Sprache lernt.
Reden die Chinesen den ganzen Tag von 努力学习 (fleißigen Lernen), 遵守规则(die Regeln einhalten 注意安全 (auf die Sicherheit aufpassen) und dem 钱 (Geld), so fängt man unwillkürlich auch an von Lern- und Berufszielen zu schreiben. Während ich 4 verschiedene Varianten kenne, um zu sagen dass ich fleißig weiterlernen oder weiterstreben will, kenne ich nur eine um zu sagen, dass ich mich freue oder glücklich bin.
Irgendwann einmal waren es die Menschen die eine Sprache prägten, nun ist es die Sprache, die die Menschen prägt, ihnen Möglichkeiten gibt etwas auszudrücken und etwas anderes nicht. ja sogar ihre Welteinstellung zu gewissen Maße vorgibt, da der Teil der Welt, den wir nicht in Worten ausdrücken können, schwer fassbar bleibt und de facto für unsere eigene Realität auch nicht wirklich existiert.
So ist es zum Beispiel auch fast unmöglich manche Ideen die man in der einen Sprache in einem kurzen Satz ausdrücken kann, in der anderen Sprache wieder zu gehen, ohne sich die Mühe zu machen, eine lange Erklärung abzugeben, welche Weltanschauung sich hinter jedem der einzelnen Wörter verbirgt und dann wahrscheinlich über den wirklichen Sinn immer noch vage zu bleiben. Da die Wörter einfach nicht diese verschiedenen Nebenbedeutungen haben, wie in der Ausgangssprache, und die Nebenbedeutungen in der fremden Sprache vielleicht auch gar nicht ausdrückbar sind bleiben manche Sachen eben immer der Interpretation des Zuhörers überlassen. Doch wie wir Dinge interpretieren, wird zum großen Teil aber auch davon geprägt, welche Ideen uns unsere Gesellschaft mit unserer eigenen Sprache weitergegeben hat.
Und so war es auch sehr interessant, dieses Thema dann mit Hongying zu diskutieren, die am Nachmittag zu mir kam, und mir half mein „chin. Tagebuch“ zu kontrollieren.
Und selbst als wir am Abend gemeinsam essen gingen, kamen wir über den Essig in China wieder auf das gleiche Thema zu sprechen. Während im Wort „Essig“ bei uns unwillkürlich die Bedeutungen, helle, sehr saure Flüssigkeit mitschwingen, bezeichnet das chinesische Wort für Essig, eine dunkle, sogar fast etwas süßliche Flüssigkeit, zu der man oft irgendeine andere Soße dazugibt, die den süßlichen Essig, noch auf eine komische Art salzig macht.
Wörter, und Sprachen sind wirklich eine faszinierende Welt, in der man in jeder Sprache, gleich wie in jedem fremden Land neue Einblicke auf eine für jede Sprachgruppe anders aussehende Realität eröffnet.
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