Samstag 24. Mai 2008
Mehr oder weniger pünktlich und vor allem mehr oder doch weniger ausgeschlafen ging’s heute morgen um 8 los Richtung Bingyugou.
Das ist eine landschaftlich wunderschöne Gegend etwa 3 ½ Stunden von Dalian entfernt, die vor allem für ihre kleinen Seen und diese Rundkuppenberge bekannt ist, wie man sie auch immer auf den chinesischen Malereien sieht.
Wir hatten unseren eigenen kleinen Bus plus Fahrer und Reiseführer gemietet, der heute morgen vor dem Haupttor der Schule auf uns, einen Haufen schläfriger Studenten wartete. Dabei waren Kingyan, Helene, Leo und ich, von unserer Gruppe, Xiaxi, Mitsue und Anna, und 2 Koreaner Piaojiaxi, und Yubingjian. Insgesamt 8 Leute aus meiner Klasse plus Leo und Mitsue.
Das Wetter war um diese Tageszeit noch nicht gerade umwerfend und man sah vor lauter Nebel keine hundert Meter weit. So entschloss der Großteil von uns anstatt weiter aus dem Fenster zu starren und sich über das Wetter aufzuregen mal ein Nickerchen zu machen.
Wenn man hin und wieder aufgrund unebener Straßen aus seinen Träumen gerüttelt wurde, bemerkte man, wie die Häuser die an uns vorbeizogen bei jedem Mal weniger wurden, und wir immer weiter aufs Land hinaus fuhren. Als wir dann bei einem „WC“ halt machten, das nur aus einen gemauerten Sichtschutz neben der Straße und einem Loch im Boden bestand, wussten wir, dass wir nun wirklich jegliche Zivilisation hinter uns gelassen hatten. Die Reise ging durch unendliche Weiten von Reisefeldern, auf denen die Bauern gerade dabei waren ihre Setzlinge einzupflanzen, vorbei an unzähligen von Eseln und Ochsen gezogenen Karren, auf deren Ladefläche ein Chinese mit den typischen Chinesenhut saß, und gemütlich die Straße hinunterfuhr. Es lag eine Ruhe und eine Friedlichkeit über dieser Landschaft, wie ich sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Leider war unser Auto viel zu schnell, als dass ich einen dieser Wagen mit meiner Kamera einfangen hätte können. Es blieb nichts anderes übrig als diese Impressionen, im Bildband meines Herzens zu speichern und sie euch zu beschreiben. An einer Wegkreuzung sahen wir eine Herde von Pferden auf deren Rücken Männer ohne Sattel nur auf einer Decke saßen und die Pferde scheinbar ohne Zaumzeug dirigierten. Als wir eines der kleinen Dörfer durchquerten kamen wir an einem Trauerzug vorbei, bei dem noch alle in traditionell chinesischer Art lange weiße Kittel anhatten, ein weißen Tuch um den Kopf gebunden, und große Papierblumenbouquets zum Friedhof trugen. Angelangt in dem kleinen Dorf, in dem unser Hotel war, bekamen wir erst mal ein guten Essen, mit Gerichten ähnlich wie wir sie in der Stadt auch hatten, aber mit so viel mehr Geschmack, viel weniger Öl und in wesentlich besserer Qualität. Dann bezogen wir unsere Zimmer. Einfache 4-Bettzimmer, mit den hier üblichen Decken als Matratze, einem Leintuch darüber und dann noch einer Decke um sich zuzudecken. Einfach aber sauber. Auch die Toiletten und Hygieneanlagen waren sehr einfach, doch ebenso sauber.
Nach einer kurzen Rast setzten wir uns wieder in den Bus und fuhren nach Bingyungou, das wegen seiner Ähnlichkeit mit dem berühmten Guilin, laut Chinesen der schönste Ort unter der Sonne, auch Xiao Guilin (kleines Guilin) genannt wird. Dort nahmen wir ein Boot und machten eine Bootsfahrt durch die Schluchten zwischen den mystisch mit Neben eingehüllten Bergen. Der Nebel, über den wir uns noch am Morgen geärgert hatten, passte hier perfekt ins Bild, und erinnerte uns alle an diese berühmten chinesischen Landschaftsmalereien. Auf der anderen Seite des Sees gingen wir dann ein Stück durch ein Flusstal, wo das Wasser so klar war, dass man jede Farbe der Bäume sehen konnte, die sich im Wasser spiegelten. Ich war so fasziniert, dass ich unzählige Bilder nur von der Wasseroberfläche machte, in der sich Bäume und Berge spiegelten, als hätte jemand eine großartige Aquarellmalerei gemacht.
Außer uns war hier fast keine Menschenseele zu sehen, und ich hatte wirklich seit langen mal wieder das Gefühl wirklich in der Natur zu sein. Im klaren Wasser tummelten sich eine Menge Fische und andere Wassertiere, in den Bäumen sangen die Vögel. Ich hatte den Eindruck im Paradies gelandet zu sein. Gegen 5 kamen wir dann wieder zum Hotel zurück, wo Leo, Helene und ich uns ein Tandemfahrrad mieteten und zu dritt auf dem Fahrrad die Felder und Bauernhöfe ein bisschen außerhalb des Dorfes erkundeten. Leo lenkte, Helene trat in die Pedale und ich half dabei. Doch mein Hauptjob war es, im Vorbeifahren Fotos zu machen. Kleine Bauernhöfe, aus deren Einfahrt uns große weiße Gänse entgegen schnatterten, schlafende Hunde, Bauern auf ihren Feldern, die getrockneten Maisstauden von letzten Jahr zu kleinen Häusern aufgeschichtet auf denen die Vögel saßen, eine Katze auf Mäusejagd auf einem Acker, ein Kalb das uns auf wackeligen Beinen entgegen schaute. Eine Idylle wie man sie sonst nur in Filmen sieht. Irgendwo am Wegrand grüßte uns dann ein alter Mann der gerade mit einer Haue dabei war, etwas zu reparieren oder umzugraben. So genau konnte man das nicht sagen. Als er sah, dass Besuch in sein kleines Dorf gekommen war, wollte er uns gleich in sein Haus zu Tee oder Schnaps einladen, um mit uns ein bisschen zu Tratschen. Doch wir mussten leider zum Abendessen um 6 wieder zurück sein, und verabschiedeten uns von ihm mit einem 3-fachen Zaijian, was den alten Mann bis über beide Ohren zum lächeln brachte. Zurück im Hotel schlugen wir uns den Bauch bei einer anderen leckeren Mahlzeit voll, und anschließend gingen Helene, Kingyan, Leo und ich auf den kleinen Dorfmarkt, wo die Einwohner alle möglichen Figuren, Schmuck und Glücksbringer aus verschiedenen Edelsteinen und Halbedelsteinen verkauften. Im Gegensatz zu den großen Städten in denen ich bisher war, in denen alle Verkäufer mit dir „hao pengyou“ (gute Freunde) sind, solange sie dir was andrehen wollen, und dir hinterher schimpfen, wenn du’s dann doch nicht kaufst, waren die Leute hier so herzlich mit uns, schüttelten uns die Hände, meinten dass wir schauen sollten, was sie hätten, doch wenn wir zu dem einen oder anderen sagten, dass wir nur schauen wollten, freuten sie sich, dass wir mit ihnen Chinesisch redeten und meinten, dass wir auch nur bleiben könnten um mit ihnen zu reden, und den Abend zu verbringen. Tatsächlich verbrachten Helene, Leo und ich dann mit den Dorfbewohnern gemeinsam den Abend. Bei dem Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Marktes, war eine Musikbox aufgestellt worden und die Menschen tanzten, jung und alt, alle gemeinsam auf dem Vorplatz neben der Straße. Eine energische, etwas rundliche ältere Frau übernahm die Führung und alle versuchten ihre Schritte nachzumachen. Auch wir versuchten dabei mitzumachen, was nicht so einfach war, da es schien als wäre das Dorf hier schon ein eingespieltes Team. Doch alle nahmen uns mit großer Herzlichkeit in die Mitte, riefen uns zu „links“ „rechts“ „gerade aus“ „drehen“ … und so schafften wir es in ihren Reihen mitzutanzen. Später nahmen wir uns dann in dem kleinen Laden neben dem Platz ein Bier und gesellten uns auf der anderen Straßenseite neben dem Markt zu einem Fest dazu, bei dem die Leute eine Ziege auf einem Stecken über einem Lagerfeuer grillten. Auf dem Heimweg sagten wir dann den Pferden am Wegrand Hallo und gesellten uns zu den anderen im Hotelzimmer von Xiaxi und ihren Freundinnen, und saßen dort noch zusammen, bis es schließlich Zeit war ins Bett zu gehen. Wir machten eine Katzenwäsche mit kaltem Wasser, putzen uns die Zähne und gingen schlafen. Erstaunlicherweise schliefen wir auch alle tief und fest auf unseren harten Betten, und wachten morgens frisch und munter wieder auf, bereit für einen neuen Tag.
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