Sonntag 29. Juni 2008
Wer mich in den letzten Wochen beobachtet hatte, musste den Eindruck bekommen haben, ich hätte mich in meine HSK Bücher verliebt. Denn überall wo ich auftauchte, da waren auch meine Bücher dabei. Ob wir im Starbucks einen Kaffee tranken, uns am Strand bräunten, uns im Park in den Schatten der Bäume setzten, die HSK- Bücher waren meine ständigen Begleiter. Selbst im Fitnesscenter kam mein MP3- Player mit, um mich, während ich auf dem Laufband schwitzte mit chinesischen Hörverständnisübungen zu versorgen.
Während ich auf den letzten HSK nicht unbedingt zu den Fleißigsten gehörte, die sich auf die Prüfung vorbereiteten, hatte ich es mir diesmal in den Kopf gesetzt, zumindest ein Level besser abzuschneiden als beim letzten Mal und lernte dementsprechend auch wie eine Versessene Vokablen. Ich fraß mich wie einer unermüdliche Raupe durch sämtliche HSK Bücher die ich mir gekauft hatte, und ich glaube, hätte ich mich selbst dabei beobachten können, ich hätte mich ganz bestimmt für verrückt erklärt und sofort den Nervenarzt angerufen *gg*.
Das einzige was mich wahrscheinlich davon abhielt komplett verrückt zu werden, waren eine Reihe Parties und Feste, die in diese Zeit fielen, und natürlich gefeiert werden mussten. Traurigerweise bedeutete aber fast jedes dieser Feste auch, dass wieder einer von uns nach Hause flog, und unserer Gruppe immer kleiner wurde.
Der erste der uns verließ war Mate.Ich konnte es einfach nicht glauben, es schien mir noch gar nicht so lange her, dass wir gemeinsam am Bahnhof in Dalian ankamen und mit einem dieser wilden Taxifahrer zu unserer Uni fuhren. Noch weniger lange kam es mir vor, dass wir gemeinsam das Feuerwerk am Xinghai Square betrachtet hatten, und dann kein Taxi fanden um wieder zurück zur Uni zu kehren. Als ich dann letzten Freitag Tingli (Hörverständnis) Abschlussprüfung hatte, erinnerte ich mich an unsere gemeinsamen Tingli- Stunden, und es kam mir vor, als wäre es erst gerade einen Monat her, dass wir gemeinsam den Tingli- Test des letzten Semester geschrieben hatten. Mates Sonnenscheinlächeln und seine liebe Art fehlten uns allen hier sehr. Der einzige Trost der mir blieb, war, dass Budapest ja nicht weit von Wien entfernt ist, und ich unseren Sunnyboy bestimmt bald wieder sehen werde.
Der nächste, der uns verließ war Mourad, der mich zum Abschied mit den Worten …. Ca c’est passé trop vite (Es ist zu schnell vergangen) umarmte. Ja wirklich, es ist wirklich unglaublich schnell vergangen dieses Jahr in China. Einerseits hat sich so viel ereignet, dass das Jahr eigentlich 730 Tage haben müsste, um all diese Erlebnisse und Erfahrungen hineinpacken zu können, andererseits schienen die Tage seit ich von meiner Reise Anfang Februar zurückgekommen war, nur mehr so dahin gerast zu sein.
Neben Kingyan, zu dem ich mich das ganze Jahr über immer unglaublich nahe gefühlt hatte, und der zu den Menschen gehört, die ich von meinem Jahr in China bestimmt am meisten vermissen werde, habe ich in Helene ebenfalls eine wunderbare Freundin gefunden. Seit wir uns am Beginn dieses Semesters nebeneinander gesetzt hatten, waren wir ein unzertrennliches Duo. Ob Lernen, kochen, sporteln… wir machten einfach alles gemeinsam, und wenn es einer von uns zweien nicht so gut ging, so waren wir immer für einander da. Als wir vorgestern für die Geburtstagsparty von Gaby unabgesprochen fast im gleichen Outfit auftauchten, da musste keine von uns zweien etwas sagen, und wir wussten, welch schönes Band der Freundschaft wir in diesem Semester geknüpft hatten.
Wenn ich daran denke, dass es bald auch an mir ist, nach Hause zu fliegen, dann überkommt mich ein Gefühl der Wehmut, wenn ich daran denke, dass ich China und alle diese wunderbaren Freunde bald verlassen muss.
Natürlich freue ich mich unglaublich darauf meine Freunde zu Hause wieder zu drücken, alle diese lieben Menschen, die ich letztes Jahr im Sommer unter Tränen verabschiedet habe, wieder zu sehen, mein liebstes Schwesterherz zu umarmen und meine kleine Nichte kennen zu lernen. Endlich wieder einmal all diese leckeren Sachen zu Hause zu essen, ein Bad in einem saubern Badezimmer nehmen zu können, Wasser aus der Leitung zu trinken, das Fahrrad zu nehmen und einfach in die Natur zu fahren, in den Bodensee zu hüpfen, wieder einmal nicht der „Ausländer“ zu sein, … Eigentlich gibt es einen ganzen Haufen Dinge, die mir hier aus Österreich gefehlt haben, und doch, ich habe mich so an das Leben hier gewöhnt, hatte das Leben in unserer großen WG so lieb gewonnen, meine Freunde hier so ins Herz geschlossen, und jetzt fällt es mir so schwer von diesem „zweiten“ Leben das mir China geschenkt hatte, wieder Abschied nehmen zu müssen. So gerne ich in der Welt herumkomme, so wohl ich mich an allen möglichen Orten auf der Welt fühle, so sehr hasse ich Abschiede. Genauso wie es mir vorkam, als würde ich einen Teil meines Herzens bei Bea und meiner zweiten Familie zurücklassen, als ich London verließ, so kommt es mir jetzt vor, als würde ich einen Teil meines Lebens aufgeben müssen, in dem Moment, in dem ich China verlasse. Doch ebenso wie meine zweite Familie, mit dem Tag an dem ich abgereist bin nicht aus meinem Leben verschwunden ist, so wird auch China nicht aus meinem Leben verschwinden, und all diese lieben Menschen, die mir hier so ans Herz gewachsen sind, werden auch weiterhin ihren Platz dort haben.
Irgendwie schien es allen gleich zu gehen, und wir beschlossen, neben der Lernerei, diese letzten Tage die uns noch blieben, so viel wie möglich gemeinsam zu machen.
Wir gingen mit einer riesen Gruppe Barbecue essen, Leo, Kingyan, Julia und ich gingen bowlen und Billiard spielen, Kingyan kochte ein letztes Mal in großen Stil für uns leckere Salate und Spagetti, wir kamen zusammen um Filme anzuschauen, gingen gemeinsam aus,ich traf mich mit Hongying auf ein Eis oder auf einen Kaffee, oder auch einfach nur so.
Heute machten Helene und ich gemeinsam mit meiner chinesischen Freundin Yuhong einen Ausflug nach Lushun. 2 Freunde von Yuhong kamen mit uns und spielten für uns den Chauffeur. Wir hielten an einem Strand, an dem man mit hübschen braunen Pferden, mit stehenden schwarzen Mähnen den Strand entlang galoppieren konnten, sahen uns dann am nächsten Strand, das Appartment an, das Yuhong und ihr Mann dort gekauft hatten, und gingen dann alle gemeinsam in einem kleinen Restaurant in dessen kleiner Schäune ein Wurf kleiner Katzen herumtobte essen. Als wir dann mit Countrymusik im Auto zurückfuhren und die Lichter des schon nächtlichen Dalians an uns vorbeiziehen sahen, waren Helene und ich uns einig, dass dies, obwohl es in Lushun selbst nicht viel zu sehen gab, wirklich ein wunderschöner Tag geworden war. Wie eine Tochter, haben Yuhong und ihr Mann mich in Herz geschlossen, und sind so großzügig, hilfsbereit und freundich zu mir, dass ich oft gar nicht weiß, wie ich den beiden danken soll.
Schon das letzte Mal als sie mich zum essen einlud, sagte sie mir, ich könne noch eine Freundin mitbringen. Ich nahm natürlich an, wir würden, wie normalerweise auch immer in eines der normalen chinesischen Restaurants mit sehr vernünftigen Preisen gehen und zögerte nicht lange Helene mitzunehmen. Doch das Restaurant, zu dem Helene und ich Yuhong folgen, war keineswegs normal. Es war ein sehr feines europäisches Restaurant, auf dem Topfloor eines Towers direkt neben dem Hafen, von wo aus man weit über das Meer blicken konnte. Und das verrückteste an der ganzen Sache war, dass sich die ganze Plattform während des Essens langsam drehte, um einem von seinem Tisch aus einen 360° Panoramablick zu verschaffen. Wirklich unglaublich spektakulär.
Und so reihten sich Abschiede, Lerntage und Abende mit Freunden aneinander und ehe ich mich versah, war auch schon wieder ein Monat vergangen.
Nun ist es nicht nur mehr eine leise Vermutung, sondern ein starker Verdacht... die Uhren in China müssen sich wirklich schneller drehen....
PS: Fotos für's Fotoalbum folgen morgen! Versprochen :-)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen